SEMINARPROGRAMM (2026/2027)

Die Seminare finden vierzehntägig dienstags (ab 16:00 Uhr c.t.) im Zentrum Grundlagenforschung Alte Welt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt.
Das Seminar 2026/27 legt einen Schwerpunkt auf Maße, Modelle und Muster in der Altertumsforschung.
Das Seminar wird generell digital übertragen. Vortragende werden zum Teil vor Ort sein. Zoom-Link: https://hu-berlin.zoom-x.de/j/62272165290?pwd=DmvBO97b3JAJIutndWU2bBILGaJ3AX.1

DatumSprecherInnenTitelVortragende anwesend?Materialien
13.10.2026Charlotte Schubert (Leipzig)Vom Muster zum Begriff: δημοκρατία – vermessen mit den Sprachmodellen der Gegenwartjaabstract
27.10.2026Mattia Celisi (Heidelberg)Je gespaltener, desto besser: Wie widersprüchliche Kataloge die Münzbestimmung mit KI ermöglichenjaabstract
10.11.2026Dries Daems (Amsterdam) / Danai Kafetzaki (Leuven)Quantitative shape-based approaches…
…to building and assessing typo-chronologies and communities of practice.
A case study from Sagalassos and environs (SW Anatolia) in Iron Age to Hellenistic times
jaabstract
24.11.2026Thibault ClériceFrom Print to TEI: CLLG Evaluation of new approaches to text acquisition for Ancient Greekja 
08.12.2026Frédérique Rey (Berlin) / Sophie Robert Hayek (Paris)Computational multilingual text alignments and measuring textual similarityja 
05.01.2027Christian Casey (Berlin) / Barak Sober (Jerusalem)Computational hieratic palaeographyja 
19.01.2027Lauren Osthof (Berlin) / Jenny Gabel (Hamburg)From stone to VR and back: Das virtuelle Theater von Miletjaabstract
02.02.2027Aleksi Sahala / Tommi Jauhiainen / Heidi Jauhiainen (Helsinki)Computational ancient languages laboratory in action: Automatic loanword detection and text similarity networksjaabstract
09.02.2027Karsten Tolle / David Wigg-Wolf (Frankfurt a.M.)Numismatik im Zeitalter von Linked Open Data und Künstlicher Intelligenzja 

Ort

Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities / Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Unter den Linden 8, Lise-Meitner-Saal (Gebäude der Staatsbibliothek Berlin, Eingang Unter den Linden) (07W04, gegenüber der Leihstelle der Akademiebibliothek)
10117 Berlin

ics-Datei mit den Terminen

Abstracts

Vom Muster zum Begriff: δημοκρατία – vermessen mit den Sprachmodellen der Gegenwart

Charlotte Schubert

Begriffsgeschichte liest den Wandel von Grundbegriffen an ihren Verwendungen ab, bislang an ausgewählten Stellen. Sprachmodelle, die auf antikem Griechisch trainiert sind und ein Wort im Zusammenhang seines Satzes lesen, erfassen diesen Gebrauch nun in seiner ganzen Verteilung. Der Vortrag stellt eine antike Begriffsgeschichte als Distributionsgeschichte vor, deren Maße auf einer Theorie der Ähnlichkeit ruhen, wie sie etwa Platon im Parmenidesentwirft. Am Beispiel der δημοκρατία, vermessen an gut vier Millionen Wörtern antiker Literatur, entsteht aus den Mustern des Mitvorkommens eine Achse zwischen Herrschaft des Volkes und Struktur der Verfassung, auf der Aristoteles' Politik und die attischen Redner ebenso auseinandertreten wie die Historiker der Kaiserzeit untereinander. Allerdings zeigt sich, was ein solches Maß nicht erfasst: Die Stellungnahme sitzt im Wortlaut, und Bestand kommt allein Gruppenkontrasten und Richtungsaussagen zu. Die Modelle ersetzen die Lektüre nicht, sie führen sie vielmehr mit genaueren Fragen zu den Texten zurück.

Je gespaltener, desto besser: Wie widersprüchliche Kataloge die Münzbestimmung mit KI ermöglichen

Mattia Celisi

Millionen antiker Münzen warten in Magazinen auf ihre Bestimmung — eine Arbeit, für die eine Sammlung pro Stück anderthalb Stunden veranschlagt und für die es kaum Fachleute gibt. Ein Bilderkennungsmodell erledigt sie inzwischen in Sekunden. Um aber einer Maschine beizubringen, was auf einer Münze zu sehen ist, braucht man Beispiele, die jemand als korrekt geprüft hat. In dieser Größenordnung kann das niemand leisten, und so werden bestehende Referenzkataloge als „Ground Truth" herangezogen. Diese sind sich jedoch uneinig: Dasselbe Stück wird in Berlin anders beschrieben als in London oder Paris, ohne dass eine der Beschreibungen falsch wäre. Wer einen einzigen der Kataloge zum Maßstab erklärt, bringt der KI vor allem die Schreibgewohnheiten einer Institution bei. Der Ausweg führt über einen Knowledge Graph: Er verknüpft die konkurrierenden Benennungen miteinander, ohne eine davon zu überschreiben.

Ein solcher Graph muss allerdings anders gebaut sein als gewohnt. Knowledge Graphen und Normdatensysteme trennen nach Bedeutung: Athena, die Göttin, und Athen, die Stadt, sind klar abgegrenzte Konzepte. Auf der Münze stehen jedoch dieselben Buchstaben, die sich ohne weiteren Kontext kaum unterscheiden lassen. Eine Unterscheidung, die am Objekt unsichtbar bleibt, zwingt das Modell zum Raten. Ein Graph für das Training bildet deshalb ab, was am Objekt unterscheidbar ist — und unterscheidet sich darin von einem, der eine Recherche erschließt.

Die zweite Konsequenz wiegt schwerer. Denn dort bleiben die Widersprüche zwischen den Katalogen stehen. Wo zwei Kataloge dasselbe Stück verschieden benennen und beide recht behalten, liegt zwischen ihren Zeilen eine Regel, die niemand notiert hat: dass eine bestimmte Figur stets mit Helm erscheint, dass Teile der Umschrift ebenso gut in der Bildbeschreibung auftauchen dürfen. Solche Selbstverständlichkeiten treten erst im Abgleich über Sprachen und Häuser hinweg hervor. Im Graphen lassen sie sich festhalten. Was dabei entsteht, ist eine Grammatik der numismatischen Beschreibung. Und daraus folgt die Frage, die der Vortrag zur Diskussion stellt: Wie viel von dem, was wir über unsere Objekte wissen, steht überhaupt in unseren Daten?

Quantitative shape-based approaches to building and assessing typo-chronologies and communities of practice. A case study from Sagalassos and environs (SW Anatolia) in Iron Age to Hellenistic times

Dries Daems (Vrije Universiteit Amsterdam) / Danai Kafetzaki (KU Leuven and UHasselt)

Pottery studies have long taken up a fundamental role in archaeology. For many areas
and time periods it remains our main foundation for (relative) dating, as well as functional
assessment of archaeological contexts, understanding technology, fashion, and diet,
networks of interaction and exchange, social practices, and resource exploitation
strategies. Traditional pottery studies often focus on the establishment of two main axes
of structuration: 1) typology; and 2) chronology, often pursued in combination as typo-
chronological frameworks. For this purpose, endless heaps of material are amassed,
described and compiled in voluminous catalogues. The immense merits of these
traditional approaches for the development of reliable frameworks of interpretation as
the foundation of archaeological reasoning cannot be overstated.
The recent upsurge in computational approaches in archaeology offers researchers new
opportunities to identify, model, and interpret complex patterns in the production,
distribution, and usage of pottery. In this presentation, we will introduce a digital pipeline
consisting of shape quantification, robustness and association analysis, and network
mapping. We apply this pipeline to a case study of Iron Age to Hellenistic (800-50 BCE)
pottery material from excavations at Sagalassos and Düzen Tepe, as well as survey
material collected from sites in the surrounding micro-region. Through a dual application
of the pipeline on two interpretative levels – i.e. functional groups and type-variety – we
aim to explore complex data patterns to establish and refine typo-chronologies and
identify potential communities of practice within the micro-region. We will demonstrate
how such a workflow can be incorporated in an iterative exploration through interactions
between ceramicist and data scientist. The end goal of this approach is to develop a
methodological framework where archaeological and computational approaches
mutually reinforce each other through their respective strengths of rich interpretability
and analytical tractability.

From stone to VR and back. Das virtuelle Theater von Milet

Lauren Osthof, Jenny Gabel

Die Entwicklung einer virtuellen Anwendung des milesischen Theaters verbindet Fragestellungen aus der Alten Geschichte, der Klassischen Archäologie und der Informatik miteinander. Ziel ist es, einen individuellen, interaktiven Zugang zu entwickeln, mit dem erstmals die Inschriften, Spielfelder und bildlichen Graffiti des Theaters erforscht werden können. Anhand von Inschriften etc. wird untersucht, wie sich verschiedene antike Akteure und Akteursgruppen den milesischen Stadtraum auf der Mikroebene aneigneten. Dafür wurde ein maßstabsgetreues und realistisch texturiertes Modell der Ruine angefertigt und durch virtuelle Rekonstruktionen verschiedener Zeitstufen ergänzt. Die Entwicklung war durch einen kontinuierlichen iterativen Prozess zwischen allen Disziplinen geprägt. Unsere Anwendung für die virtuelle Realität (VR) ist somit ein Prototyp, der immersive Technologie und Epigraphik miteinander verbindet und sowohl in der Forschung als auch in der Wissenschaftskommunikation angewendet wird. 
Der Vortrag präsentiert drei Anwendungsbeispiele, die aufzeigen, wie virtuelle Realitäten historische Fragestellungen beantworten können und damit neue Perspektiven eröffnen. Im Vordergrund stehen die Handlungen im Theater, seine Gesamtkapazität und welche Rollen seine Inschriften erfüllten.

Computational Ancient Languages Laboratory in Action: Automatic Loanword Detection and Text Similarity Networks

Aleksi Sahala, Tommi Jauhiainen, Heidi Jauhiainen

Aleksi Sahala will talk about a pipeline for automatically discovering loanwords in monolingual dictionaries. For our Coptic-Greek test case, we use the Coptic Dictionary Online and LSJ. The pipeline measures words’ semantic similarity based on their English translations, and uses a dynamic programming algorithm and a custom phonemic vector space representation to align the words phoneme-by-phoneme to measure their phonetic distance. By combining the semantic and phonetic distances, the system is able to discover the most likely candidates for etymologically related vocabulary, which can then be evaluated by a human expert.

Tommi Jauhiainen will present how the Double Mutual Rank (DOMUR) network similarity measure is calculated using text-level n-gram and Naive Bayes-based language models. Heidi Jauhiainen will present the DOMUR networks we have created so far for texts in Greek, Coptic, Cuneiform-using languages (ANEE Idiolect Network Portal), and Egyptian Hieroglyps/Demotic. As of writing this abstract, the Greek network uses 54,002 transcribed texts from Papyri.info; the Coptic network portal contains 1,968 texts from Coptic Scriptorium; the ANEE portal has 105,621 texts from Oracc; and the TLA-based sentence-level network contains over 200,000 sentences.